Text I: Warum bekommt Lovis Augen am Bug?
Text II: Die Odyssee des Herrn H.
Text III: Frontex – damit die Flüchtlinge draußen bleiben
Text IV: Der Kolonialismus ist noch lange nicht vorbei
Weitere Informationen zum Thema
Der Flyer: innen (pdf, 454 KB) und außen (pdf, 2,8 MB)

zur Dokumentation


Text I: Warum bekommt Lovis Augen am Bug?

Mit den Augen am Bug bekunden wir unsere Solidarität mit all jenen Menschen, die versuchen, über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen. Jedes Jahr riskieren Tausende bei der Flucht über das Meer ihr Leben. Viele ihrer Boote tragen Augen auf dem Rumpf.

Bereits in der Antike befuhren Menschen das Mittelmeer. Sie trieben Handel, führten Kriege, tauschten Entdeckungen aus und bereisten die Region. Damit ihre Schiffe den richtigen Weg fanden und vor Meeresungeheuern geschützt waren, bemalten sie den Bug ihrer Schiffe mit Augen. Schiff und Besatzung wurden so auch vor dem „bösen Blick“ bewahrt.

Bis heute sind viele Fischerboote im Mittelmeer am Bug mit Augen verziert. Noch immer ist das Meer Handels- und Reiseweg, aber auch Schauplatz von Konflikten. Seit den 1990er Jahren ist es außerdem zu einer der weltweit am schwersten zu überwindenden Grenzen geworden. Allerdings nicht für alle Menschen. EU-Bürger_innen können in der gesamten Region problemlos reisen. Aber aus der umgekehrten Richtung gleicht das Meer einer unüberwindbar hohen Mauer. Wollen Menschen ohne europäischen Pass in der Europäischen Union arbeiten, studieren, reisen, ihre Familie besuchen oder Asyl beantragen, können sie nicht einfach per Flugzeug oder Fähre einreisen. Nur mit viel Glück erlangen sie ein reguläres Visum.

Aber was machen jene Menschen, die auf der Flucht keine Zeit haben, ein Visum zu beantragen, oder die keine Chance haben, eines zu erhalten? Oftmals bleiben ihnen nur gefährliche Reisewege, auf denen sie ihr Leben riskieren. Wer mutig oder verzweifelt genug ist, keine andere Perspektive mehr sieht, besteigt eines der Fischerboote an der nordafrikanischen Küste. Manchmal hat es Augen am Bug. Die Menschen versuchen darin, das Mittelmeer zu überqueren. Einigen gelingt es, aber viele tausend Menschen haben diesen Versuch bereits mit ihrem Leben bezahlt.

Wir wollen mit „unseren“ Augen am Bug der Lovis auch im Ostseeraum auf die Situation im Mittelmeer aufmerksam machen! Die Abschottung der Grenzen und die Nichtrettung von Schiffbrüchigen geschieht, solange wir nichts dagegen unternehmen, in unser aller Namen.

In Solidarität mit allen Menschen weltweit, die wie wir ihren Traum von Freiheit und Selbstverwirklichung zu realisieren versuchen.

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Text II: Die Odyssee des Herrn H.
Flucht ohne Papiere in Zeiten von Billigflügen und Round-the-World-Tickets

Herr H. aus Afghanistan lebt in einer norddeutschen Stadt. Sein aktuell größter Wunsch ist es, eine feste Arbeit zu finden, denn dann können endlich seine zurzeit im Iran lebende Frau und ihr gemeinsamer Sohn nach Deutschland kommen. Seit vier Jahren warten sie auf das Wiedersehen, mehrere Jahre lang hatten sie den Kontakt verloren.

Zu Beginn waren sie noch gemeinsam geflüchtet. Aus Afghanistan in den benachbarten Iran. Heimlich mussten sie die Grenze überqueren, da weder sie noch ihr damals zweijähriger Sohn Papiere besaßen. Eine wirkliche Lebensperspektive würden sie als afghanische Flüchtlinge im Iran nicht haben. Sie wollten weiter und informierten sich über Möglichkeiten, nach Europa zu gelangen.

Schnell wurde klar, dass die Weiterreise strapaziös und kostspielig werden würde. Daher entschloss sich Herr H., es alleine zu versuchen. Nach seiner Ankunft würde er seine Familie auf einfacherem und sichererem Wege zu sich holen.

Herr H. hätte niemals erwartet, dass seine weitere Flucht vier Jahre dauern würde! Er bewältigte sie zu Fuß, in einem Schlauchboot, per Fähre, unter einem LKW, in Bus und Bahn. Sie führte ihn über die Türkei nach Griechenland, von Italien in die Schweiz, durch Deutschland und Dänemark nach Schweden und endete nun doch wieder in Deutschland. Sie brachte ihn an seine physischen und psychischen Grenzen. Viel Prügel hat Herr H. einstecken müssen, beinahe wäre er zwischen der Türkei und Griechenland im Mittelmeer ertrunken, als die griechische Polizei ihn und andere Flüchtlinge zurück auf ihr defektes Schlauchboot zwang, ein Jahr lang wartete er in der Schweiz auf Asyl und wurde enttäuscht. Eine Abschiebung nach Afghanistan drohte.

Auch in Deutschland war sein Asylbegehren zunächst nicht erfolgreich. Erst vor Gericht konnte er Abschiebeschutz und eine Aufenthaltserlaubnis erstreiten. Inzwischen gelang es außerdem, den Kontakt zu seiner Familie wiederherzustellen. Aber wann sie erneut vereint sein werden, bleibt unklar, denn ohne ausreichendes Einkommen werden seiner Frau und dem inzwischen sechsjährigen Sohn keine Einreiseerlaubnisse gewährt.

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Text III: Damit die Flüchtlinge draußen bleiben.
Frontex – eine Agentur zur EU-Grenzsicherung

Die Europäische Union gibt jährlich immer mehr Geld für die Sicherung ihrer Außengrenzen aus. Dies ist die Kehrseite der Bewegungsfreiheit im Innern, die EU-Bürger_innen dank des Schengener Abkommens genießen.

Während zwischen den EU-Staaten Grenzposten, Mauern und Zäune abgerissen wurden, werden sie an den Außengrenzen verstärkt und mit modernster Militärtechnik gesichert. Seit 2004 gibt es eine „Europäische Agentur für die operative Zusammenarbeit an den Außengrenzen“ (kurz: Frontex). Sie zählt die Bekämpfung sogenannter „illegaler Einwanderung“ zu ihren Hauptaufgaben. Weiterhin vernetzt Frontex die europäischen Grenzpolizeien und schult diese in den neuesten Grenzsicherungsmethoden.

Flüchtlinge sollen die Europäische Union erst gar nicht erreichen. Deshalb ist Frontex beispielsweise in nordafrikanischen Staaten am Bau große Lager beteiligt, in denen Flüchtlinge auf ihrem Weg nach Europa festgehalten werden. Auf dem Mittelmeer und Atlantik werden Flüchtlingsboote abgedrängt und zur Umkehr gezwungen. Dadurch, dass die Fluchtwege immer komplizierter und riskanter werden, trägt Frontex zu einer Erhöhung der Opferzahlen bei.

Als Agentur ist sie dabei fast gänzlich demokratischer Kontrolle entzogen. Nur das Budget muss vom Europäischen Parlament genehmigt werden. Zur Erfüllung ihrer Aufgaben verfügte Frontex 2005 über ein Jahresbudget von 6,3 Millionen Euro, 2011 waren es bereits 88 Millionen Euro und im September 2011 stimmte das Europaparlament einer Etaterhöhung auf 120 Millionen Euro zu. Zusätzlich können über den External Border Fund zwischen 2007 und 2013 1,8 Milliarden Euro bezogen werden. Frontex hat Zugriff auf über 20 Flugzeuge, 25 Hubschrauber und 100 Schiffe.

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Text IV: An den Grenzen, im Kopf, im Geldbeutel.
Der Kolonialismus ist noch lange nicht vorbei.

Menschen, die bei dem Versuch, nach Europa zu gelangen, scheitern und im Mittelmeer ertrinken, werden zu einer „ständig wachsenden Liste der Opfer kolonialer Ungerechtigkeit hinzugefügt“ (The VOICE Refugee Forum).

Die Gründe für eine Flucht nach Europa und die Schwierigkeiten als Flüchtling legal in die Europäische Union zu gelangen, können nicht unabhängig von der Kolonialgeschichte betrachtet werden. Ebenso ist das Leben als Flüchtling z.B. in Deutschland von Kontinuitäten des Kolonialismus geprägt.

Unser Wohlstand in den westlichen, industrialisierten Ländern basiert auf der kolonialen Geschichte und den daraus resultierenden, bis heute bestehenden Ungerechtigkeiten. Die Beziehungen zwischen einerseits Staaten Afrikas, Südamerikas und Asiens sowie Europa andererseits wurden geprägt von Ausbeutung und Sklaverei und sind bis in die Gegenwart hinein keine Beziehungen zwischen gleichwertigen Partnern.

Für die geschilderten Zusammenhänge gibt es zahlreiche Beispiele.
Unter anderem in Kamerun wurden vorhandene Organisationsstrukturen während der deutschen Kolonialzeit zerstört und ein zentralistisches Regierungssystem neu installiert. Dieses fördert bis heute Korruption und behindert gleichzeitig politische Teilhabe der Bevölkerung sowie eine demokratische Kultur. Im Unabhängigkeitskampf und im Widerstand gegen die spätere Kolonialmacht Frankreich verloren tausende Kameruner_innen ihr Leben, doch noch heutzutage wird der langjährige Präsident von Frankreich gestützt.
Hoch verschuldete Länder wie z.B. Somalia verkaufen notgedrungen ihre Fischereirechte an ausländische Fangflotten. Während der Fisch im größtenteils wohlgenährten Europa auf dem Tisch landet, bedeutet dies einen Entzug der Nahrungs- und Einkommensgrundlage vieler an den Küsten lebender Menschen.
Die Wirtschaftspolitik der Kolonialmächte war darauf ausgelegt, Rohstoffe aus den Kolonien herauszuziehen oder durch Versklavung an billige Arbeitskräfte heranzukommen. Bis heute haben viele ehemalige Kolonien eine wirtschaftliche Außenorientierung, oft mit den gleichen Produkten, wie in der Kolonialzeit – etwa Kakao oder Baumwolle. Dies hat eine große Abhängigkeit von den importierenden Ländern zur Folge und jene sind gleichzeitig die Nutznießer der wertschöpfenden Veredelungen der Produkte geblieben. Nach wie vor arbeiten vorwiegend in asiatischen und afrikanischen Ländern Menschen unter schlimmsten Bedingungen, um für z.B. europäische Konsument_innen und Firmen Wohlstandsgüter zu produzieren.

Menschen, die sich auf den Weg nach Europa machen, sind auch Menschen, die diesen Asymmetrien entkommen möchten, die deren Auswirkungen am eigenen Leibe erfahren haben. Sie wollen sich nicht mehr innerhalb der bestehenden Abhängigkeiten bewegen, sondern ihr Leben wieder neu in die Hand nehmen.

Ihre brutale und skrupellose Abweisung an den Grenzen sowie die vielfach entwürdigenden Lebensbedingungen von Flüchtlingen und Migrant_innen in Europa sind Ausdruck der Aufrechterhaltung bestehender Asymmetrien. Diese zeigen sich tagtäglich in vielen gesellschaftlichen Bereichen. Auch in der Abschlusserklärung der UN-Rassismuskonferenz von 2001 wird dieser Zusammenhang anerkannt: „Die Weltkonferenz gibt zu, dass Kolonialismus zu Rassismus, rassistischer Diskriminierung, Ausländerfeindlichkeit und damit zusammenhängender Intoleranz geführt hat und dass [...] Opfer von Kolonialismus [...] weiter unter seinen Folgen leiden.“

Sich für die Rechte von Flüchtlingen weltweit einzusetzen, heißt damit auch, den in der Kolonialzeit wurzelnden Rassismus und die mit ihm verknüpfte Ungleichbehandlung von Menschen aufzuzeigen und letztendlich zu überwinden.

„Wir werden Kämpfer für die Menschenwürde bleiben und Kämpfer für ein Ende der kolonialen Ungerechtigkeit.“ (The VOICE Refugee Forum)

nach obenzur Dokumentation


Weitere Informationen zum Thema


http://borderline-europe.de
http://boats4people.org
http://bewegung.taz.de/manifest

Buchtipp I: Zekarias Kebraeb: Hoffnung im Herzen, Freiheit im Sinn. Vier Jahre auf der Flucht nach Deutschland. Aufgeschrieben von Marianne Moesle. 2011, Bastei Lübbe. — Informationen zum Buch

Buchtipp II: Gabriele del Grande: Das Meer zwischen uns – Flucht und Migration in Zeiten der Abschottung. 2011, von Loeper Literaturverlag. — Informationen zum Buch

Buchtipp III: Jürgen Gottschlich, Sabine am Orde: Europa macht dicht. Wer zahlt den Preis für unseren Wohlstand? 2011, Westend Verlag. — Informationen zum Buch

Hörspiel: Die Freiheit nehm’ ich Dir – Über die Ungleichheit des Reisens. Das Audio-Polit-Feature der NATURFREUNDEjugend Berlin setzt sich mit dem Privileg der Reisefreiheit auseinander.